Texte

1 Zu Kompositionen

2 Über Bernd Thewes

3 Werkverzeichnis
(Auswahl)

4 Bibliographie

 

1 Zu einigen Schlagzeug-Kompositionen

«Raster, Namenstausch und Gleichgewichte im Hintergrund.
Anmerkungen zu einigen meiner Schlagzeug-Kompositionen»

von Bernd Thewes

Zusammenfassung des
Vortrages bei der Komponistenwerkstatt der
Kölner Gesellschaft für Neue Musik (KGNM) am 15.06.2000

Anhand dreier Aspekte wird die Vorgehensweise beim Komponieren von fünf Stücken für Schlaginstrumente sowie einer Tonbandkomposition verdeutlicht.

Die drei Aspekte:
_Raster und rhythmische Gestaltbildung im Verhältnis zu Verteilungsdichte und Gestaltwahrnehmung (Lokales)
_Metonymie und Klang als Aktualisierung von Verhältnissen
_Gleichgewichtsspiele und die Steuerung von Hintergrundstrukturen

Vier der genannten Schlag-zeugkompositionen beschäftigen sich damit, wie durch verschiedene Dichte von Schlagfolgen im Zusammenspiel von Konstruktion und Wahrnehmung rhythmische Muster und Wahr-nehmungsräume entstehen. Drei der Kompositionen wiederum sind Übertragungen der gleichen «virtuellen» rhythmischen Struk-tur. Dieses Verfahren orientiert sich am Begriff der «Metonymie», der Ersetzung des eigentlichen Ausdrucks durch einen

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anderen im Gegensatz zur Metapher als Vertauschung eines gewöhnlichen Ausdrucks mit einem bildlichen. Indem die rhythmische Struktur (in bewußter Verdrängung ihrer ursprünglichen klangsinnlichen Erscheinungsform) als «eigent-licher Ausdruck» aufgefaßt wird, soll eine neue Klanglichkeit aus den Bedingungen einer schon festgelegten Rhythmik heraus formuliert werden. Klang wird dabei als Zusammengesetztes und in der Verhältnismäßigkeit seiner Aktualisierung Begründetes verstanden.

Zwei Kompositionen haben einen deutlichen Bezug zum Spiel. Die jüngste bezieht sich auf Würfelspiele, die in ihrem Ablauf bestimmte Gleichgewichtsprozesse abbilden, wie sie z.B. bei Molekülverteilungen in Physik und Chemie häufig anzutreffen ist. Es geht aber nicht etwa um die Darstellung solcher Gleichgewichtsprozesse mit klanglichen Mitteln, sondern um ein Komponieren, das in Rücksichtnahme und im Bewußtsein solcher Elementarprozesse seine individuelle Realisierung anstrebt.
--->  kompletter Text (pdf)

2 Über Bernd Thewes

aus:
child in time – Der Komponist Bernd Thewes
vorgestellt von Achim Heidenreich

12.Dezember 2000
hr2 Neue Musik, 20:30 - 22:00


Bernd Thewes, geb. am 13.5.57 in Quierschied bei Saarbrücken, erhielt als Kind Unterricht in Blockflöte, Akkordeon und Trompete. Erfahrungen als ausübender Musiker machte er 1969-76 in der Tanz- und Blasmusik, zugleich auch als Keyboarder in verschiedenen Rock- und Jazzformationen. Ab 1972 erhielt er klassischen Klavierunterricht und studierte 1978-81 Schulmusik in Saarbrücken: Klavier bei Jean Micault, Tonsatz bei Clemens Kremer und Theo Brandmüller. Danach beschäftigte er sich autodidaktisch mit Komposition und war Keyboarder der saarländischen Avantgarde Pop Gruppe Dreiklang. Ein Studium der Musikwissenschaft in Mainz schloß er mit einer Arbeit «Über das Verhältnis von Notation und Komposition am

               

Beispiel von Lachenmann, Stockhausen und Feldman» ab. 1985 war Thewes Mitbegründer und bis 1990 Dirigent des Neuen Musikvereins Illingen. Es entstanden Kompositionen und Bearbeitungen für Blasorchester. Aufführungen eigener und fremder Blasorchesterkompositionen hatten teils performanceartigem Charakter.

Aus der Arbeit mit dem Neuen Musikverein Illingen entstand das Illinger Burgfestes für Neue Musik (1988-1997), dessen künstlerische Leitung und Organisation sich Thewes mit dem Avantgarde-Trompeter Michael Gross teilte. Thewes erhielt 1995 ein Förderstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken und 1997 ein Stipendium für die Cité Internationale des Arts, Paris. Ein weitverzweigtes Beziehungsnetz zu ganz unterschiedlichen Musikern, vor allem zu denen des Ensemble Modern und dem in fast allen Avantgarde-Orchestern spielenden Michael Gross, verbindet mit jedem entstehenden Werk auch dessen Aufführung. Oft werden die Werke veränderten Aufführungssituationen angepaßt oder Thewes

entwickelt schon bestehende Werkteile zu eigenständigen Werken weiter. Dabei nutzt er die computer-unterstützten Möglichkeiten des Sampling und der Klangtransformation. Thewes verbindet in seinem alle traditionellen Gattungen und experimentellen Spielformen abdeckenden Oeuvre allgemeine Erfahrungen aus dem Umgang mit Phänomenen der Massenkultur mit einem subjektiven, sich selbst jedoch nie überbetonenden Kompositions-ansatz.

Musik zu erfinden ist für Bernd Thewes die Suche nach einem biographischen Widerhall im klingenden Material, ohne dabei jedoch im Subjektiven zu verharren. Seine unterschiedlichen Fundorte hat der in Mainz lebende freischaffende Komponist und Klavierlehrer exakt kartographiert. Nach einem abgebrochenen Schulmusikstudium, jahrelanger Abgeschiedenheit im Rheinhessischen und schon während eines anschließenden Studiums der Musikwissenschaft entstanden mittlerweile gut achtzig Kompositionen zwischen Solostück, Kammeroper, sinfonischem Werk,

Klanginstallation und elektro-akustischer Gestaltung. Ist der klangliche, instrumentale, motivische oder strukturelle Bezugspunkt zur eigenen Biographie oder zu einer allgemeinen Alltagserfahrung mehr oder weniger bewußt erst einmal gefunden und kompositorisch definiert worden, setzt ein strategisch geplanter Umformungs- und oft auch Verfremdungsprozeß ein. Die gewählten Instrumente, Spieltechniken und Materialvorgaben werden immer weiter von ihrem traditionell vertrauten Vokabular entfernt. Deren historisch gewachsene Identität wird dabei jedoch nicht vollständig negiert: Thewes erfindet weder die Musik neu, noch stellt er sie auf den Kopf. Allerdings stellt er sie in Frage, oder besser: er fragt angesichts der modernen Musiküberflutung in allen Lebensbereichen nach der allgemeinen Verbindlichkeit der verfügbaren klanglichen Mittel und des eigenen kompositorischen Handelns. So beispielsweise in der Orche-sterkomposition «morg(u)estern» (2000). In dem Werk verwechselt Thewes bewußt einen computer-generierten Notensatz nach dem klanglichen Verlauf einer ZDF-Heute-Sendung mit einer

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Kompositionsskizze. In dem von sehr freier Rhythmik zum metrischen Unisono sich entwickelnden Werk legt Thewes die strukturellen Merkmale des Tons hingegen sehr genau fest. So tendiert sein Schaffen zwischen latentierter Kulturkritik und strenger Materialorganisation, ohne jedoch ins Pessimistische zu tendieren, die massenkulturelle Phänomene zu verurteilen oder deren Rezipienten erziehen zu wollen. Stattdessen nutzt Thewes, von starkem Schaffensdrang bewegt, alle Möglichkeiten zum Musikproduzieren zwischen Klanginstallation und Konzert.

3 Werkverzeichnis (Auswahl)

Paraphrasen zu den 7 Sieben des Salzhändlers
Musik zu einem Detail aus Marcel Duchamps «Großem Glas»
für Violoncello, Horn, Trompete, E-Bass, zwei Schlagzeuger und Keyboards (Synthesizer, Akkordeon <rechte Hand>, Tastenperkussion <selbstgebautes Instrument>).
[1992]

Studie zu einem Selbstportrait
für Flöte, Klarinette, Posaune, 4 Schlagzeuger (auch geblasene Bierflaschen)
[1993]
motion picture
für Posaune
[1996]

«... Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen ...»
24 Stücke für Violine und Schlagzeug
[1996]

 

blocksubstitut
Musik nach einem Werbeblock von RTL
«auf der Stelle tretend»
«perpetuum mobile»
für Streichtrio
[1997]

OFF LINE

Konzert für Posaune und Ensemble
[1998]

HERR UND FRAU GOLDKOPF
Ein astrales Märchen. Ein himmlisches Puppenspiel
oder:
Doppelkonzert für Trompete / Violine, Bariton / Sopran <Countertenor>, Ensemble und mixed media
nach Hugo Ball
[1999]

WAIT FOR THE RICOCHET
ein transkonzertantes Ereignis für Streichquartett, Pressluftgeiger und Klanginstallation
mit der Klangmaschine «Pressluftgeiger» von Christoph Lahl
[2000]

Die Luftesser
Klangobjekt mit Hirnwellenresonanz
für Akkordeon und Papp-Schlagzeug
[2001]

Code: Figur auf Landschaft (Travestie)
für Flöte und 5-kanalige Zuspielmusik
[2002]
Streifen, Maqamat und Sterne
für 2 Streichquartette
[2002]

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COPULATION AND MIRRORS
eine abstrakte Kurzoper
für Countertenor, Violoncello, Klavier, Percussion und 3-kanalige Zuspielmusik
[2003]

Die Schwarze Kugel
Musik zum Stummfilm «Die Schwarze Kugel oder Die Geheimnisvollen Schwestern»
von Franz Hofer / 1913
[2004]

--->  Werkverzeichnis (bis 2006) (pdf)

4 Bibliographie

Besprechung der CD-Neuerscheinung Bernd Thewes - Kompositionen von Dirk Wieschollek
In: Neue Zeitschrift für Musik 2 / März April 2002

Zwischen Klanginstallation und Konzert – Der Komponist Bernd Thewes
von Achim Heidenreich
In: MusikTexte 95, November 2002, S.13-18

Dorfmusik und Emerson, Lake & Palmer von Bernd Thewes

In: Anfänge. Erinnerungen zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten an ihren frühen Instrumentaluntericht, hg. von Marion Saxer, Wolke Verlag 2003, S.129-131

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Bernd Thewes
von Achim Heidenreich
Werkverzeichnis und Texte zur Musik
In: Komponisten der Gegenwart (Loseblattlexikon), edition text + kritik 2003